[Diskussionsbeitrag] Antifa bleibt Landarbeit?

Leseempfehlung: Disskusionsbeitrag der „Landarbeit“-Kampagne über die Schwierigkeiten ländlicher Antifa-Arbeit und den Gegnsatz von Stadt-Land-Strukturen im Rahmen der Mobilisierung zur Antifa-Demo am 10. September in Gera.

Antifa bleibt Landarbeit?

Antifaschistische Strukturen in der Provinz basieren meist auf persönlichen Kontakten und auf kleinen subkulturellen Milieus. Sie sind überschaubar und beschränken sich in der Regel auf konkretes Handeln zu gegebenen Anlässen. Eine inhaltliche Ausdifferenzierung, Debatten, Diskurse, Dissens wie in größeren Städten und Metropolen mit personell starken Gruppen können selten stattfinden. Antifa auf dem Land ist undogmatisch. Oft hängt die Arbeit vor Ort stark an einzelnen Personen. Ein Rück- oder Wegzug Einzelner kann die Handlungsfähigkeit lokaler Gruppen einschränken oder gar zum Erliegen bringen.

Die Überschaubarkeit der Szenen führt unweigerlich auch zu einem höheren Risiko einzelner Agierender – Aktionen können sowohl von politischen Gegnern als auch von staatlichen Repressionsorganen leichter zugeordnet werden. Von Vorteil ist, dass auch mit verhältnismäßig wenig Aufwand schnell Öffentlichkeit hergestellt werden kann; dass Deutungshoheiten in der Provinz bei überschaubarer Anzahl anderer Akteur*innen einfacher gewonnen werden können. Konzerte, Vorträge und Pressearbeit gestalten sich teilweise unkomplizierter und erfolgreicher. Dies gilt aber auch für den politischen Gegner. Die extreme Rechte macht sich dies momentan besser zu Nutze. Akteur*innen ziehen bewusst in die Provinz, schaffen und stärken Strukturen und können den öffentlichen Raum, das Klima eines Provinznestes entscheidend beeinflussen, oft sogar bestimmen.

Aufgrund der Job- und Studienlage, aber nicht zuletzt auch eben wegen des politischen Klimas und einer Armut an subkulturellen (und damit identitätsstiftenden) Angeboten, zieht es linke Jugendliche tendenziell in die Metropolen, in Hochschulstädte und Ballungsräume. Gleichzeitig hemmt die Abwanderung aus der Provinz das Entstehen von attraktiven Strukturen – ein Teufelskreis. Neonazis hingegen erwerben Landgasthöfe und Gehöfte, eröffnen Szenelokalitäten dort, wo wenig Gegenwehr erwartet wird, und arbeiten auf national befreite Zonen hin, die außer bei gelegentlichen „Strafexpeditionen“ der städtischen linken Szene relativ unbehelligt auf- und ausgebaut werden können.

Antifaschistische Arbeit auf dem Land funktioniert aufgrund der provinziellen Verhältnisse und einer weit verbreiteten konservativen bis reaktionären Grundhaltung in ländlichen Gegenden grundsätzlich etwas anders, so dass dies auf Szenen beispielsweise in Leipzig, Jena oder Berlin durchaus befremdlich wirken kann.

Vernetzung und Bündnisarbeit sind in der Provinz notwendiger und wichtiger, da die wenigsten Gruppen aus dem Stand eine kritische Masse an Menschen mobilisieren können. So bleibt den Aktiven oft nichts anderes übrig, als mit Ortsgruppen von zumindest halbwegs progressiven und integren Parteien wie LINKE, SPD, B90/ Die Grünen, Gewerkschaften, Kirchen und Bürgerbündnissen zusammenzuarbeiten. Die sich daraus ergebenden inhaltlichen und programmatischen Einschränkungen sind für die Kommunikation mit (groß-) städtischen Gruppen bzw. für die Mobilisierung von Antifaschist*innen und radikalen Linken aus den Ballungsräumen hinderlich. Diesen fehlen durch ihre beneidenswerten gefestigten Szenen und etablierten Strukturen aber auch das Verständnis und der nüchterne Blick auf die Situation vor Ort.

Auch mit einer einzelnen antifaschistischen Demo unter Beteiligung großer Gruppen ist selten viel erreicht, wenn sich von den 500 erschienenen Menschen 470 am selben Abend wieder in ihren komfortablen Kiez und ihre Szenelokale zurückziehen. Solche Demonstrationen, die einmal im Jahr die Käffer fluten, machen ansässigen Neonazis aber zumindest ihre Wohlfühlzonen für den Moment streitig.

Die in örtlichen Kleinstgruppen Agierenden jedoch müssen ihre Kämpfe jeden Tag führen, begegnen Nazis und anderen politischen Gegnern ständig im Alltag und sind nach größeren Aktionen oft genug wieder sich selbst überlassen. Eine große Demo kann allerdings gleichsam helfen, Menschen zu gewinnen, die noch nicht in dem Maße politisiert sind wie wir bzw. mit linksradikalen Ideen sympathisieren, aber noch nicht organisiert sind.

Dennoch reicht das natürlich lange nicht aus. Wenn wir den Kampf ums Ganze führen und die Verhältnisse in Frage stellen wollen, können wir uns nicht auf Kieze beschränken, sondern müssen auch die Auseinandersetzung mit und in der Provinz angehen. Wir wollen lokale Gruppen besser vernetzen, Recherchestrukturen ausbauen, Regionalplena organisieren und die Kommunikation verbessern, um in die Lage zu kommen, auch kurzfristig handlungsfähiger zu werden.

Es ist notwendig, Freiräume zu erkämpfen und Anlaufpunkte zu schaffen. Viele provinzielle Regionen kommen über den Versuch, solche Räume aufzubauen nicht hinaus, weil Projekte im Keim erstickt werden – sei es durch permanente Angriffe von Nazis oder seitens der örtlichen Behörden, die sich alle Mühe geben, Steine in den Weg zu legen. Umso mehr sind diese Orte und Projekte essentiell, damit von ihnen ausgehend die Provinz inhaltlich und (sub-)kulturell mit Leben gefüllt werden kann. Genau hier braucht es aber die fortwährende Unterstützung durch starke städtische Strukturen und den Willen, dass alle Hand in Hand arbeiten, um antifaschistische Räume zu gestalten.

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